E Scooter Unfälle – Umfangreiche Studie aus Austin, Texas

E Scooter Unfälle – Umfangreiche Studie aus Austin, Texas

17. Mai 2019 0 Von EBT

Zusammenfassung: In einer groß angelegten E Scooter Unfallstudie, die vom 05. September bis zum 30. November in Austin, Texas, durchgeführt wurde, konnten umfangreiche Daten zum Thema „Sharing-E-Scooter und Unfälle“ erhoben werden. Im gesamten Untersuchungszeitraum gab es 190 Verletzte, die in Folge von Unfällen mit (zumeist Sharing-) E Scootern in örtliche Notaufnahmen bzw. Krankenhäuser eingewiesen werden mussten – dies entsprach ungefähr 20 Verletzten auf 100.000 E Scooter Trips (Fahrten). Auffallend war, dass es sich bei fast zwei Dritteln der Verunfallten um absolute Fahranfänger handelte. Bei fast der Hälfte der Opfer kam es zu Verletzungen im Kopfbereich, wobei allerdings darauf hingewiesen werden muss, dass nur 1 (!) Unfallopfer einen Helm getragen hat. 37% der Unfallopfer gaben an, dass übertrieben hohes Tempo auf dem E Scooter mit zum Unfall beigetragen hatte. Verblüffend war, dass nur 10% der Unfälle durch Kollisionen mit anderen motorisierten Vehikeln verursacht wurden. Beinahe die Hälfte der Unfallopfer war 18-29 Jahre alt.

E Scooter Unfallstudie, Austin, Texas

Zum Thema Verletzungsrisiko und Unfallhäufigkeit bei E Scootern gab es bislang kaum brauchbare Studien. In Deutschland natürlich allein schon deshalb nicht, weil diese Fahrzeuge bis jetzt gar nicht legal im öffentlichen Straßenverkehr genutzt werden dürfen. Dies wird sich aber voraussichtlich schon bald ändern, denn es ist damit zu rechnen, dass die lang erwartete Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung schon in naher Zukunft in Kraft treten dürfte. Schon aus diesem Grund sind belastbare Zahlen zu den Themen Unfallhäufigkeit und Unfallrisiken bei E Scootern von erheblichem Interesse.

Austin Public Health

Ist tatsächlich davon auszugehen, dass mit der Einführung von E Scootern auf deutschen Straßen die Zahl der Unfälle sprunghaft zunehmen wird, wie von manchen Kritikern befürchtet? Oder ist das alles nur reine Panikmache? Mit was für Verletzungen ist zu rechnen?

Und wie werden Unfälle mit E Scootern hauptsächlich verursacht?

Glücklicherweise liegt seit kurzem eine Studie des Austin Public Health Departments (APH) aus Texas vor, die sich genau mit diesem Themenkomplex beschäftigt. Die Studie hat den Titel „Dockless Electric Scooter-Related Injuries Study“ und wurde im April 2019 veröffentlicht. Ein Sharing-E-Scooter wird als „dockless“ bezeichnet, wenn er keinen festen Standort hat, sondern an beliebigen Orten im Servicebereich abgestellt oder abgeholt werden kann. Ziel der Studie war herauszufinden, welche Auswirkungen Sharing-E Scooter auf die Gesundheit der Bevölkerung haben.

Ein Tipp von unserer Seite vorweg: Richtig E Scooter fahren – 28 Exklusive Fahrtipps !

Austin E Scooter

Was genau wurde bei der E Scooter untersucht?

Untersucht wurden Unfälle mit Sharing E Scootern (Elektroroller) – also ausleihbaren E Scootern, die mit einer entsprechenden App freigeschaltet werden können und (in diesem Fall) eine Maximalgeschwindigkeit von 25 km/h erreichen (in Deutschland wird das maximale Tempo allerdings voraussichtlich auf 20 km/h begrenzt werden).

Die Studie fand statt in Austin, Texas, und erstreckte sich vom 05. September 2018 bis zum 30. November 2018 – also über einen Zeitraum von fast drei Monaten. In dieser Zeit wurden im untersuchten Gebiet insgesamt 936.110 Fahrten auf geliehenen (Sharing) E Scootern durchgeführt. Insgesamt wurde auf diesen Scootern eine Fahrzeit von über 182.000 Stunden erreicht und mehr als 891.000 Meilen zurückgelegt, was über 1,4 Millionen zurückgelegten Kilometern entspricht. In diesem Zeitraum begannen Ärzte in örtlichen Krankenhäusern und örtliche Rettungsdienste, Verletzungen im Zusammenhang mit E Scootern zu erfassen.

Eine vergleichbare Studie wurde übrigens zuvor schon von Forschern in Los Angeles, Kalifornien durchgeführt. Die Ergebnisse der Studie wurden bereits im Januar 2019 veröffentlicht; untersucht wurden Unfälle in Zusammenhang mit E Scootern, bei denen Verletzte in zwei Notaufnahmen erfasst wurden.

Die Studie des Austin Public Health Departments (APH) in Austin wurde mit Unterstützung des „Centers for Disease Control and Prevention“ und anderen auf Basis epidemiologischer Untersuchungsmethoden durchgeführt. Um besondere Risikofaktoren zu erkennen, wurden auch Telefon- und Email-Interviews mit E Scooter-Unfallopfern durchgeführt.

Die Unfalldaten entstammten hauptsächlich zwei Quellen, nämlich Unfallangaben der „Austin-Travis County Emergency Medical Services“ und vom „Emergency Department“, wobei Daten aus neun regionalen Hospitälern aufgenommen wurden.

Strukturdaten, wie Daten erhoben wurden

Ergebnisse der E Scooter Studie

Im genannten Untersuchungszeitraum (5. September – 30. November 2018) wurden im Untersuchungsgebiet (Austin, Texas) 271 Personen erfasst, die im weitesten Sinne in Unfälle mit E Scootern verwickelt waren. Bei 160 Unfallopfern ist gesichert, dass die Unfälle mit Sharing E Scootern passierten, bei den übrigen Personen konnte nicht mit Sicherheit festgestellt werden, ob es sich tatsächlich um Unfälle auf geliehenen E Scootern oder überhaupt um Zwischenfälle mit echten E Scootern handelte. Insgesamt konnte bei 192 Personen sichergestellt werden, dass die Unfälle ganz sicher in Zusammenhang standen mit klassischen geliehenen E Scootern (160), oder zumindest sicher mit klassischen E Scootern bzw. Elektrorollern (32). 190 Unfallopfer fuhren die Roller selbst zum Zeitpunkt des Unfalls, nur in zwei Fällen handelte es sich um außenstehende Personen, die durch E Scooter verletzt wurden (1 Fußgänger und 1 Radfahrer).

Hier die wichtigsten Ergebnisse in der Zusammenfassung:

Von den 190 verunfallten E Scooter Fahrern waren:

Geschlecht: 55% männlich.

Altersspanne: 9-79 Jahre.

Altersverteilung: Fast die Hälfte (48%) der Unfallopfer hatten ein Alter von 18 bis 29 Jahren (ca. 90 Personen). Am zweithäufigsten waren die Unfallopfer zwischen 30 bis 39 Jahre alt (ca. 40 Personen) und am dritthäufigsten 40-49 Jahre alt (ca. 22 Personen). Das Durchschnittsalter der Unfallopfer lag bei 29 Jahren.

Herkunft: 60% der Unfallopfer wohnten zum Zeitpunkt des Unfalls in Austin, waren also Einheimische.

  • 33% der interviewten Unfallopfer gaben an, dass der Unfall bei ihrer allerersten E Scooter Fahrt passierte. Rund 30% gaben an, dass der Unfall während der ersten 9 Fahrten auf einem E Scooter passierte.
  • 38% der Unfallopfer gaben an, auch in Zukunft wieder E Scooter fahren zu wollen.
  • 183 der 190 Personen fuhren zum Unfallzeitpunkt alleine auf dem Scooter.
  • 88% der Unfallfahrer kamen in eine Notaufnahme.
  • 14% wurden in ein Krankenhaus eingeliefert.
  • Todesfälle gab es nicht.

Art der Verletzungen

Etwas weniger als die Hälfte der 190 Unfallopfer, insgesamt 80 Personen, hatten Verletzungen, die als „schwer“ zu bezeichnen sind. Davon erlitten:

84% Knochenbrüche (mit Ausnahme von Nase, Finger, Zehen).
45% Nerven-, Sehnen- oder Bänderverletzungen.
5% Schwere Blutungen.
1% Organschäden.

8% mussten mehr als 48 Stunden im Krankenhaus verbringen.

Betrachtet man die Gesamtzahl der Unfallopfer (190) und bezieht auch leichtere Verletzungen mit ein, kommt man zu folgenden Ergebnissen:

  • 48% hatten Verletzungen am Kopf (z.B. Frakturen, aber auch Schürf- und Schnittwunden).
  • 70% erlitten Verletzungen der oberen Extremitäten (Hände, Handgelenk, Arm, Schulter).
  • 55% erlitten Verletzungen der unteren Extremitäten (Beine, Knie, Knöchel & Füße).
  • 18% erlitten Verletzungen an Brust/Abdomen.
  • Mehrfachverletzungen am ganzen Körper kamen durchaus vor.
Frakturen am Körper

Knochenbrüche

Mehr als ein Drittel (35%) der 190 Unfallopfer hatten Knochenbrüche (ausgenommen Nase, Finger & Zehen). 19% hatten gleich Knochenbrüche in mehreren Körperregionen.

Am häufigsten kamen Knochenbrüche an Armen (11%) und an den Beinen (6%) vor. Besonders häufig waren auch Brüche der Handgelenke (5%) und der Knöchel (4%). Bei 3% konnten Schädelfrakturen nachgewiesen werden (6 Personen). Dies ist verblüffend, da zum Unfallzeitpunkt weniger als 1% der Befragten einen Helm getragen haben!

Allerdings konnten bei 15% der Unfallfahrer Hinweise auf traumatische Hirnverletzungen nachgewiesen werden.

Örtlichkeiten

  • Über die Hälfte der Unfallfahrer (55%) wurden auf der Straße verletzt.
  • 33% wurden auf dem Bürgersteig verletzt.

Hinzu kamen Verletzungen auf Wegen, auf denen eigentlich gar keine Kraftfahrzeuge zugelasen sind, sowie Parkplätze und Parkhäuser.

Art der Unfälle

  • Bei 16% aller Unfälle war ein anderes motorisiertes Fahrzeug involviert – einschließlich Kollisionen und Ausweichmanövern, Stoppen und Abspringen vom Scooter, um eine Kollision zu vermeiden.
  • 10% der verletzten Fahrer kollidierten direkt mit einem anderen motorisierten Fahrzeug.
  • In 10% der Unfälle war ein Bordstein involviert; und in weiteren 7% andere Arten von unbelebten Objekten, wie beispielsweise Lichtmasten oder Kanalabdeckungen.
  • Bei 65% der befragten Unfallopfer erfolgte der Unfall auf einer ebenen Fläche.
  • 24% verunfallten beim bergab fahren.
  • 6% verunfallten beim bergauf fahren.
  • 50% der interviewten Unfallfahrer gaben an, dass Straßenunebenheiten wie Schlaglöcher oder Risse in der Straße den Unfall mit verursacht hätten.
  • Über ein Drittel (37%) gaben an, dass übermäßige Roller-Geschwindigkeit zu ihrem Unfall beigetragen hätte.

Zusatzinformationen

  • 29% der Befragten Fahrer gaben an, in den 12 Stunden vor dem Unfall Alkohol getrunken zu haben.
  • 19% der befragten Unfallfahrer vermuteten, dass Ihr Roller nicht richtig funktioniert hätte (Bremsen, Räder etc.).
  • 70% erhielten eine Schulung zur Benutzung des Rollers, allerdings 60% nur über die App der Rollerfirmen.
  • 6 Personen gaben an, dass sie während des Unfalls Musik gehört hätten.
  • 1 Person wurde beim telefonieren in den Unfall verwickelt.
  • Die meisten Unfälle fanden übrigens Freitag, Samstag und Sonntag statt – die Mehrzahl der Unfälle passierte ganz offensichtlich am Wochenende (39%).
Verteilung der Unfälle nach Wochentagen
Verteilung der Unfälle nach Start der Studie
Erfahrung der E Scooter Fahrer nach Unfällen
Karte der Unfälle in Austin, Texas

Abschließende Bemerkungen / Schlüsse aus der Studie

Die Studie ergab, dass bei rund 100.000 E Scooter Trips (Fahrten) durchschnittlich 20 Verletzte zu beklagen waren – wenn man die erfassten Daten aus dem dreimonatigen Untersuchungszeitraum in Austin zugrunde legt.

Einschränkend muss aber darauf hingewiesen, dass die Zahl der Unfallopfer in der Realität durchaus höher sein könnte, da nur Unfallopfer berücksichtigt wurden, die in Notaufnahmen oder Krankenhäuser eingeliefert wurden.

Ein wirklich interessanter Befund ist, dass ein Drittel (33%) der befragten Unfallopfer angab, dass es sich um ihre allererste Fahrt auf einem E Scooter überhaupt handelte. Bei ungefähr einem weiteren Drittel (30%) geschah der Unfall während der ersten 9 Fahrten auf einem E Scooter. Es handelte sich also bei rund 63% (!) der Unfallopfer um absolute Fahranfänger.

Fast die Hälfte aller 190 Unfallopfer hatte Verletzungen am Kopf, bei 15% lag offenbar eine traumatische Hirnverletzung vor. Wie bereits erwähnt, hatte allerdings nur 1 (!) Fahrer während des Unfalls einen Helm getragen. Es ist davon auszugehen, dass die Zahl von Kopfverletzungen deutlich geringer ausgefallen wäre, wenn alle Fahrer einen Helm getragen hätten.

Man könnte annehmen, dass die meisten Unfälle mit E Scootern durch Kollisionen mit anderen motorisierten Fahrzeugen ausgelöst werden. Diese Annahme wird durch die Ergebnisse der Studie allerdings nicht gestützt. Über die Hälfte aller Fahrer wurde beim Fahren auf der Straße verletzt, aber nur 10% durch Kollision mit einem Kraftfahrzeug. Trotzdem könnten die Unfallzahlen durch bessere Schulung von E Scooter Fahrern sicherlich noch weiter gesenkt werden – so zumindest die Verfasser der Studie.

Befragungen der Unfallopfer ergaben außerdem, dass bei 37% zu hohe Geschwindigkeiten auf dem E Scooter zu den Unfällen maßgeblich beigetragen hätten – hier müssen wir allerdings nochmals darauf hinweisen, dass die erlaubte Maximalgeschwindigkeit von E Scootern in Texas bei 25 km/h liegt, während sie in Deutschland wohl auf 20 km/h begrenzt werden wird. Man kann also davon ausgehen, dass die Zahl der Unfälle, die durch überhöhte Geschwindigkeit verursacht wird, in Deutschland in der Zukunft geringer ausfallen dürfte.

Aufgrund der genannten Ergebnisse macht das Austin Public Health Department folgende Vorschläge:

  1. Auch in Zukunft sollte das Unfall- und Verletzungsrisiko bei neuartigen Fahrzeugen wie E Scootern & Elektrorollern, aber auch bei elektrischen Skateboards, Einrädern und Segways auf regelmäßiger Basis untersucht und ausgewertet werden. Die Unfallüberwachung bei entsprechenden Fahrzeugen sollte generell verstärkt werden.
  2. Die Öffentlichkeit sollte vermehrt über das Thema „sicheres E Scooter fahren“ informiert und aufgeklärt werden: Richtig E Scooter fahren – 28 Exklusive Fahrtipps! In diesen Bildungsbotschaften sollte vor allem vermittelt werden, wie wichtig das Tragen eines Helms ist und welche Risiken von unnötig überhöhten Geschwindigkeiten ausgehen. Idealerweise sollten sich diese Botschaften vor allem an junge Erwachsene im Alter von 18 bis 29 Jahren richten.

Ein Hinweis von unserer Seite:

Wir finden es schon auffallend, dass es sich bei rund zwei Dritteln aller Unfallopfer um Fahranfänger handelte und dass fast die Hälfte der Verunfallten Verletzungen am Kopf erlitten. Es ist durchaus möglich, dass sich die Zahl der Unfälle mittels gezielter Schulungen durch Fachleute in sicherer, verkehrsberuhigter Umgebung unter Umständen deutlich verringern lassen würde. Natürlich sollten die Fahranfänger bei diesen Schulungen Schutzkleidung und vor allem Helme tragen. Auf diese Art könnten sie sich mit E Scootern im geschützten Rahmen vertraut machen, bevor sie aktiv am Straßenverkehr teilnehmen. Richtig E Scooter fahren – 28 Exklusive Fahrtipps !

APH_Dockless_Electric_Scooter_Study_5-2-19

Quelle: https://www.austintexas.gov/sites/default/files/files/Health/Epidemiology/APH_Dockless_Electric_Scooter_Study_5-2-19.pdf

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