Erster ausführlicher Testbericht zum Egret Ten V4: Egret oder Regret? Mit exklusivem Update

Erster ausführlicher Testbericht zum Egret Ten V4: Egret oder Regret? Mit exklusivem Update

2. August 2019 11 Von EBT

Die ersten Egret Ten V4 wurden nun ausgeliefert. Hier ein Testbericht von Clifford. Da wir, wie auch bei anderen E Scootern, kein Blatt vor dem Mund nehmen, auch hier der Originaltext des Autors. Wir müssen sicherlich nicht extra ausführen, dass es sich hier um die Meinung und Erfahrungen des Autors handelt:

Ich hatte den Egret Ten V4 früh bestellt und gehöre zu den ersten, die ihn bekommen haben. Mittlerweile hat der Hersteller Verzögerungen bei der Auslieferung kommuniziert. Somit bleibe ich wohl eine Weile einer der wenigen glücklichen Besitzer. Ich blicke ich auf knapp zwei Wochen Egret Ten V4 zurück und wage mich einmal an eine Zusammenfassung meiner ersten Eindrücke. Dabei schreibe ich vor allem über meine eigenen Erfahrungen, nehme aber auch Hinweise anderer Nutzer auf, die sich angeregt über den Egret austauschen.

Ich hatte mich vor allem aus folgenden Gründen für den Egret entschieden:

  • Verarbeitungsqualität/Stabilität: Hier hat Egret einen guten Ruf. Schweißnähte etc. Der E-Scooter soll halten.
  • Größe: Ich bin 1.96m. Daher sollte der E-Scooter nicht zu klein sein. Das Deck bietet auch mehr Platz für die Füße.
  • Leistung: Ich komme an die 100 kg ran. Mir ist es wichtig, zuverlässig die Leistung zu erhalten, die ein 500 Watt Motor liefert. Das heißt mit 20km/h auch mal an Steigungen.

Für die obigen Punkte habe ich Kompromisse in Kauf genommen. Unter anderem den Preis und das Gewicht.

Mein Ziel ist es, möglichst Autokilometer zu ersetzen und den Egret im Kombinationsmix einzusetzen mit Kfz und ÖPNV.

Unboxing und Allgemeines

Nach langem Warten auf die ABE war der Tag endlich gekommen. Mich erwartete eine schöne Box, die ausgepackt werden wollte.

Mein erster Eindruck: Solide Verarbeitung. Gut geschweißt.

Egret Ten Unboxing

Mitgeliefert wurden auch drei Inbusschlüssel, die so ziemlich alle Schrauben des Egret Ten bedienen dürften.

Die Anleitung ist optisch nett (hat aber eine kontrastarme Schrift). Inhaltlich findet man jedoch hauptsächlich Warnhinweise, was man alles nicht tun solle. Andere Tipps fehlen, z.B. zur Bedienung des Controllers (Zähler für Tageskilometer etc.).

Das Licht fehlt noch. Es wird nachgeliefert. Dafür hat Walberg ein (gutes) Ersatzlicht mit verschickt. Für das richtige Licht muss man sich auf einer Seite licht.urban-electrics.de registrieren. Der Hinweis steht auf der Rückseite des Deckblatts, der auf die Wagenpapiere aufmerksam macht. Ein Zettel, den man nicht zwangsläufig umdreht. So entging einigen Käufern der Hinweis auf das richtige Licht.

Der Aufbau des Egret Ten V4 geht schnell. Auch das Zusammenklappen hat man schnell raus. Dass der Ten ein stolzes Gewicht hat, war klar. Für den Kofferraum ok.

Die Reifen haben bei Auslieferung einen zu geringen Druck. Vor der ersten Testfahrt sollte man aufpumpen, da sonst die Geschwindigkeit nicht erreicht wird – und weil die größere Auflagefläche der Reifen das Risiko birgt, dass man sich was Spitzes einfängt.

Mein Faltschloss passt gerade so durch. Da werde ich wohl was anderes holen müssen. Naja.

Fahren und Gefahren

Mein erster Testtag brachte gleich einen Fehlschlag. Reifen platt (hinten) nach nur 3km. Der Service reagierte schnell und empfahl mir eine klassische Reparatur mit Flickzeug. Das habe ich einmal separat dokumentiert. Das ging im Großen und Ganzen auch gut, wenngleich das bei 10-Zoll Reifen eine Herausforderung ist.

Egret Ten V4 Reifen flicken
Egret Ten V4 aufpumpen
Egret TEn V4 aufpumpen

Mit den ersten drei Kilometern kam für mich – abgesehen vom Platten – auch eine erste kleine Enttäuschung: Der Holm ist zu kurz. Maximal ausgezogen muss ich mich dennoch krumm machen, um lenken zu können. 

Ich verbuche das mal unter ‘Einzelschicksal’ – möchte aber andere Interessierte darauf hinweisen, dass der Egret für Menschen ab 1,92m unbequem werden kann.

Nun aber zur eigentlichen Testfahrt mit dem (geflickten) Egret Ten V4:

Das erste Fahrgefühl ist angenehm. Mit dem Fingergas muss man sich erst vertraut machen. 

Was gleich auffällt: Von 5 km/h bis 12 km/h hat er eine schöne Beschleunigung.

Was danach auffällt: Ab 15 km/h kann man von Beschleunigung nicht wirklich reden. Er scheint sich jeden Geschwindigkeitszuwachs regelrecht zu erkämpfen. 
Das kann doch nicht sein…?

Nebenbei ein Vergleich zwischen der Geschwindigkeitsanzeige auf dem Tacho und der am GPS.

Ein Unterschied von 1-2 km/h. D.h. der Tacho scheint nicht auf den Egret Ten abgestimmt zu sein und zeigt wohl eine höhere Geschwindigkeit an als tatsächlich gefahren wird.

Das dämpft die Fahrfreude! In der Regel fährt er um die 18 km/h (Tacho). Das entspricht etwa 17 km/h real. 

Egret Ten V4 Special Edition

Auf ebener Strecke kommt der Egret Ten V4 mittelfristig auf 20km/h (Tacho). Einige berichten auch von 21 km/h (Tacho) und mehr als Spitzengeschwindigkeit. Rechnet man in echte Km/h um, kommt man im Optimalfall auf 20 km/h (real).
Wann und ob sie überhaupt erreicht werden hängt von verschiedenen Faktoren ab: 

  • Gewicht des Fahrers
  • Oberfläche der Straße
  • Luftdruck der Reifen
  • Akku-Ladestand

Ja, die Geschwindigkeit hängt vom Luftdruck ab. 2,5 bar pro Reifen sind wichtig! Und ja, die Geschwindigkeit hängt vom Ladestand ab! Der Hinweis steht sogar im Handbuch. Ab 2 Balken drosselt der Egret nämlich nochmal auf in der Regel 18 km/h (Tacho) Maximalgeschwindigkeit. Das entspricht etwa 16-17 km/h real.

Und als wäre das noch nicht schlimm genug: Steigungen führen ebenfalls zu einem spürbaren Leistungsabfall. Je nach Grad und Länge der Steigung reduziert sich die Geschwindigkeit auf bis zu ca. 14 km/h (Tacho) = 13 km/h real. Das sind allerdings Erfahrungswerte für relativ steile Rampen. Normale Brücken o.ä. nimmt er mit etwa 16 km/h (Tacho) = 15 km/h real.

Aber Leistungswunder ist anders. Damit ist der Egret de facto eine lahme Möhre. Andere Nutzer melden, sie werden regelmäßig von Leihscootern überholt.

Egret Ten V4 Vorderrad mit Fahrradschloss

Zum technischen Hintergrund stellt sich – durch Infos anderer Besitzer – heraus: 

Die aktuelle Firmware 8.7 des V4 Controllers scheint eine gekappte Version der 8.6 des V3 zu sein. Hier wurde einfach die letzte (schnellste) Stufe ausgelassen. Es scheint keine gesonderte Programmierung für den V4 gegeben zu haben, bei der die 20km/h ausgereizt oder richtig bedient werden.

Hier deutet sich ein echtes Problem für den Egret Ten an. Wenn sich herumspricht, dass der solide E-Scooter in Wirklichkeit eine lahme Gurke ist, kann er schnell zum Ladenhüter werden.

An der Hardware sollte es nicht liegen bei einem 500 Watt Motor. Eigentlich benötigt der Ten V4 eine ordentlich programmierte Firmwareversion, die speziell auf die 20km/h abgestimmt ist und das Maximum raus holt.

Ob Walberg hier aktiv wird – oder überhaupt kann – ist nicht bekannt. Diverse Hinweise und Rückfragen blieben leider auch unbeantwortet. Und selbst wenn es mal eine neue Firmware geben sollte, die das Defizit behebt, stellt sich die Frage, wie Besitzer des V4 in den Genuss dieser Firmware kommen. Müssen alle Egrets wieder eingesendet werden oder haben auch Vertragshändler vor Ort die Möglichkeit, Updates durchzuführen?

Ich denke, dass die Frage der Performance uns noch eine Weile beschäftigen wird. Im Moment erinnert die Aussage ‘bis zu 20 km/h’ eher an die Werbung der Internetprovider, die ‘bis zu 100 MBit/s’ versprechen – was in der Realität kaum erreicht wird.

Die Performance überlagert leider etwas den Gesamteindruck. Das ist schade, denn der Egret ist insgesamt erst einmal ein solides Fahrzeug.

Sollbruchstellen

Hier und da gibt es aber auch Herausforderungen. Ich greife hier noch einmal Punkte auf, die mir nicht selbst wiederfahren sind, die aber in einem kleineren Kreis von Besitzern vorgekommen sind und diskutiert werden.

Es handelt sich jeweils um Einzelfälle. Diese haben keine Aussagekraft für das Modell generell.

Netzteil: Bei zwei Nutzern wurde das sofort zum Problem. Das Netzteil war nach kurzem Einsatz defekt. In der Diskussion stellte sich heraus, dass es im Handbuch einen Warnhinweis gibt: Es werde (nicht ‘könne’) zu Schäden führen, wenn das Netzteil länger als 24 Stunden angeschlossen ist. Ohaaa! Da hat man gleich die schlimmsten Bilder vor Augen von abfackelnden Akkus. Es ist aber wohl eher gemeint, dass das Netzteil schaden nehmen kann, weil es schlecht gekühlt wird. Dennoch: Ein ernst zu nehmender Hinweis!

Steuereinheit: Apropos schlecht gekühlt. Ein Nutzer hatte einen Schaden erlitten, weil er Überlast (> 100 kg) leicht bergauf gefahren war. Es gibt bei der Steuereinheit wohl keine Temperatursensoren oder Abschaltung bei Überhitzung. 

Nun, selbst Schuld, wenn man den Egret einer so hohen Last aussetzt – sollte man meinen. Und das stimmt. 100 kg sind das Limit. Ist kommuniziert. 

Aber: Jeder Fahrer sollte sich klar machen, was “Last” ist. Das sind entweder Kilo, die er befördern muss – oder auch Steigungen, die er fahren muss. Je steiler die Strecke ist, desto höher die Last. Das bedeutet: Wenn jemand an die 100 kg (so wie ich) eine längere Strecke bergauf fährt, besteht das Risiko, dass der Egret überhitzt und Schaden nimmt. Seitdem ich das weiß, sehe ich Steigungen immer mit einer gewissen Sorge entgegen.

Ständer: Hier hatte ich auch schon meine Probleme und andere Nutzer berichten ebenfalls, dass sie Schwierigkeiten haben, den Ständer ein- oder auszufahren. Bei mir hatte sich der Sticht der Feder etwas verschoben und den Ständer beim Einklappen blockiert. Das muss ich noch beobachten. Ich vermute aber mal, dass man hier regelmäßig die Schraube nachziehen sollte.

Es gibt noch weitere Kleinigkeiten, die berichtet werden. So soll man beim Reinigen z.B. aufpassen, weil die Dichtungen nicht immer super sind und evtl. Wasser ins Batteriefach gelangen kann etc.

Egret Ten V4 Fazit

Aber das alles sind, wie gesagt, Einzelfälle. Rückschlüsse auf die ganze Modellreihe lassen sich nicht ableiten. Insgesamt ist und bleibt ein positiver Grundeindruck von der Verarbeitung. Da wurde bei anderen Herstellern schon von ganz anderen Dingen berichtet.

Was jedoch auf jeden Fall bleibt, ist die Herausforderung mit der Performance. Für mich ist das ein echter Dämpfer – und für viele andere Besitzer scheinbar auch. Im normalen Stadtverkehr von Leihscootern abgehängt zu werden ist nicht schön. Die zusätzlichen Performance-Einbußen ab 50% Akkustand oder an Steigungen sind frustrierend. 
Hier hoffe ich inständig, dass Walberg die Firmware noch mal überarbeiten lässt und einen Weg findet, ein Update zu verteilen. Denn gerade für mich war es eine zentrale Kaufentscheidung, dass der Egret ordentlich motorisiert und solide ist und mich zuverlässig bewegt. Ansonsten wird für mich bald tatsächlich Egret zu Regret. Aber so weit will ich eigentlich nicht gehen. Es ist klar, dass man erst einmal nach den negativen Auffälligkeiten schaut. Aber um ein faires Fazit zu liefern: Letztendlich freue ich mich über den Egret Ten.

  • Er ist solide gebaut
  • Bei konkreten Rückfragen hat das Team in der Regel schnell und hilfreich geantwortet
  • Florian Walberg hat sich für die Zulassung von Elektrokleinstfahrzeugen eingesetzt

Und… wenn mein Sohnemann, der sehr leicht ist, auf den Egret Ten steigt, geht der auch schnell ab.

Auch bei mir stehen durchaus mal 20 km/h auf dem Tacho, aber wesentlich langsamer, mühsamer und nur unter guten Bedingungen.

Es bleibt der gute Gesamteindruck, der vor allem geschmälert wird durch die Performance. Insgesamt würde ich dem Egret dennoch 4 bis 4,5 Sternen von 5 geben. Mit der eindringlichen Bitte an den Hersteller: Geht die Programmierung an – und lasst auch den Käufern ein Update zukommen.

Update vom 07.08.

Die unten beschriebenen Herausforderungen des EGRET Ten V4 bei Leistung bzw. Geschwindigkeit scheinen nur einige Fahrzeuge zu betreffen – aus der ersten Auslieferung.

Besitzer, die ihre EGRETs kürzlich erhalten haben, berichten überwiegend von einem normalen Fahrverhalten und dass sie unter Normalbedingungen 20km/h (und innerhalb der Toleranzgrenze auch etwas mehr) erreichen. Natürlich haben wir es mit unterschiedlichen Gewichtsklassen, Straßenverhältnissen etc. zu tun. Aber es deutet sich an, was auch Jum Müller in seinem [Beitrag] schreibt: Möglicherweise ist der Gasgriff die Ursache.

Ich habe nochmal über das Service-Formular von Walberg Urban Electrics geschrieben, das Jum Müller verlinkt hat und das Egret-Team hat sich auch schon bei mir gemeldet. Sie sind dran.

D.h. ich bin optimistisch, dass es für die Betroffenen eine baldige Lösung gibt. Sobald ich diese selbst testen kann, freue ich mich, darüber an dieser Stelle zu berichten.

Im Übrigen möchte ich noch berichten, dass ich meinen Egret mittlerweile mehr als 2 Wochen habe und er mich als Pendler zuverlässig transportiert. Ich benutze ihn, um Autokilometer zu ersetzen – entweder komplett oder in Kombination mit dem Auto oder den ÖPNV. Über mangelnde Sichtbarkeit im Stadtbild muss sich mein V4 nicht beklagen.

Egret Ten V4