E-Scooter – das ungeliebte Stiefkind

E-Scooter – das ungeliebte Stiefkind

29. August 2019 14 Von EBT

Eine Betrachtung von Clifford, der auch schon den ersten ausführlichen Egret Ten V4 Test durchgeführt hat. Ab jetzt spricht Clifford:

Ich bin ein gesellschaftlicher Außenseiter. Belächelt und sogar verachtet. Denn ich besitze einen E-Scooter. Schon Wochen bevor ich mein Gefährt erhalten habe und die ersten Meter fahren konnte, war ich bereits ein übler Verbrecher. Eine faule Umweltsau. Wie konnte ich nur?

Dabei hatte ich den E-Scooter eigentlich in bester Absicht bestellt. Als Pendler vom Stadtrand in die City wollte ich meinen Diesel wesentlich öfter stehen lassen. Autokilometer mit einem praktischen und umweltfreundlichen Verkehrsmittel ersetzen. Auch ein neues Fahrrad oder ein E-Bike hatte ich in Betracht gezogen. Aber einen E-Scooter kann ich schnell zusammenklappen und sowohl im Kofferraum mitnehmen als auch (kostenlos) in Bussen und Bahnen. Gerade diese flexible Kombination machte den E-Scooter für mich zu einer praktischen Alternative.

Das Leihscooter-Problem

Doch dann kamen die Leihscooter. Schon viele Wochen bevor ich meinen E-Scooter bekam, dominierten sie das mediale Sommerloch. Chaos… Mobilitäts-Apokalypse… Kein Tag ohne Horrormeldungen. Und gab es aus Deutschland nichts zu berichten, wurde auf andere Länder geschaut: Frankreich, die USA oder China.

Auch in den Sozialen Medien wurde vor dem Verkehrskollaps durch die E-Scooter Flut gewarnt. Es gab Aufrufe, die E-Scooter reihenweise umzuwerfen, auf die Straße zu stellen oder gar im Fluss zu versenken. Und als einige diesem Aufruf folgten, kamen gleich die empörten Fotos von umgeworfenen oder versenkten E-Scooter und die Kommentare “haben wir doch gleich gesagt!”. Erste Statistiken zeigten, dass Fahrer von Leihscootern weniger als 2 Kilometer zurücklegen. Bereits wenige Wochen nach Einführung der Leihscooter wurde die Mobilitätswende für gescheitert erklärt.

In ihren Berichten schienen sich die Medien gegenseitig überbieten zu wollen. Sie hatten ein Monster geschaffen, das alle hassten – und mit jeder Meldung wurde dieses Monster hässlicher, abscheulicher und gefährlicher. Sachliche Betrachtungen blieben die Ausnahme. Und eine Unterscheidung zwischen Leihscootern und E-Scootern im Privatbesitz gab es schon gar nicht.

Leihscooter in der Berliner City

Dabei stellt sich doch die Frage: Wer soll eigentlich einen Leihscooter in der Innenstadt nutzen – und wofür? Das Auto eines Pendlers kann er nicht ersetzen, denn Pendler pendeln nun mal nicht in der Innenstadt, sie kommen eher vom Stadtrand. Ein Leihscooter in der City kann naturgemäß nur die wenigen Kilometer in der Innenstadt genutzt werden.

Und auch der Umgang mit einem Leihscooter ist anders. Menschen gehen weniger bewusst damit um, wenn es nicht ihr Eigentum ist. Das haben wir schon bei den Leih-Fahrrädern erleben dürfen. Und sie sind auch weniger routiniert. Wenn jemand seine ersten Erfahrungen mit einem E-Scooter auf einer Hauptstraße in der Innenstadt macht, muss es nicht verwundern, dass die ersten Kilometer eher unsicher sind. Ich würde, ehrlich gesagt, auch nicht meinen Kindern auf einer Hauptstraße das Fahrradfahren beibringen wollen.

Doch solche Fragen wurden nicht gestellt. Die Stimmung war bereits gekippt. Ironischerweise reihten sich auch viele Radfahrer in diese Diskussion ein und schimpften über Zweiräder, die auf dem Gehweg fahren oder in entgegengesetzter Richtung. Gemeint waren natürlich die E-Scooter.

Das ‘Radfahrer frei’ Problem

Tatsächlich scheint es ‘gute’ Zweiräder und ‘böse’ Zweiräder zu geben. Der E-Scooter besteht aus Metall, Kunststoff und einer Batterie. Das ist böse. Ein E-Bike hingegen besteht aus Metall, Kunststoff und einer Batterie – was eine gute Sache ist und ein wichtiger Baustein für die Mobilität von morgen.

Auf den ersten Blick ähneln sich E-Bike und E-Scooter. Beide haben einen Motor. Beim einen muss man antreten, beim anderen mittreten. Der benötigte Kraftaufwand für E-Bikes hat nicht wirklich etwas mit Bewegung oder gar Fitness zu tun. Das machen E-Scooter Fahrer durch andere Muskelpartien wett. Doch bei den Bestandteilen und dem Antrieb enden die Ähnlichkeiten auch schon. E-Scooter können maximal 20km/h fahren, E-Bikes sind schneller. Vor allem aber gibt es ein Detail, das einen wesentlichen Unterschied macht: Das Kennzeichen. E-Scooter müssen versichert sein, E-Bikes nicht. Und wer ein Kennzeichen hat, ist nunmal ein Kraftfahrzeug. Hier liegt der kleine aber feine Unterschied. Ironischerweise ist nicht das versicherte Gefährt bessergestellt, sondern das unversicherte. Hätte man E-Bikes und E-Scooter rechtlich gleich behandelt, hätte man viele Probleme vermeiden können.

Die Versicherung: Kleiner Unterschied – große Wirkung

Durch das kleine Kennzeichen trennen uns Welten. Das beginnt schon bei der Wahrnehmung. Dabei müsste es gar nicht so sein. E-Scooter sollen auf Radwegen fahren. Oder auf Straßen, wenn kein Radweg vorhanden ist. E-Scooter Fahrer haben nicht nur dieselben Wege, sondern auch dieselben Ziele wie Radfahrer: Sie wollen zuverlässig und sicher durch den Straßenverkehr kommen. Sie wollen gut ausgebaute Radwege. Sie mögen keine Autos, die auf Radwegen parken oder eng vorbei fahren. Man sollte meinen, die gemeinsamen Ziele würden einen Schulterschluss der Zweiräder bedeuten. Doch weit gefehlt. E-Scooter fluten die Radwege, verursachen Fahrradstaus und sind mit ihren 20 Stundenkilometern unberechenbare Geschosse. Sie sind das Geschwisterkind, das die Radfahrer nie haben wollten und deshalb dürfen sie auch nicht mit ihnen spielen.

Bei der #BikeNight unerwünscht: E-Scooter fahren offenbar unsicher. Kleinkinder auf Puky-Rädern sind aber dabei

Selbst Institutionen wie der ADFC Frankfurt lassen sich in ihrem Twitterkanal zu unglücklich formulierten Statements über E-Scooter Fahrer hinreißen. Wer eine andere – oder gar kritische – Meinung vertritt, wird geblockt. Das eigene Netzwerk soll ja nicht mitbekommen, dass es eine Kontroverse gibt. Mit dem Slogan #MehrPlatzFürsRad ist wohl nur das Fahrrad (oder E-Bike) gemeint. E-Scooter müssen selbst schauen, wo sie bleiben.

Kritische Meinungen sind auf Twitter beim @adfc_ffm offenbar nicht erwünscht

Ähnlich scheinen das auch einige Stadtverwaltungen zu sehen. Und hier kommen wir zu einer der größten Herausforderungen der nächsten Zeit. E-Scooter sollen Radwege benutzen. So weit, so einfach. Doch was ist ein Radweg? Es gibt die blauen Schilder mit dem weißen Fahrrad. Klar: Radweg. Aber wesentlich verbreiteter ist etwas Anderes: Ein weißes Zusatzschild mit einem Fahrrad und dem Wort “frei”. “Frei” ist ein schönes Wort. Doch gilt das nicht für E-Scooter Fahrer. Im Gegenteil. Wo immer ein solches Willkommensschild für Radfahrer hängt, sind E-Scooter nicht willkommen.

Oft und gerne gesehen: Radfahrer sind willkommen

Auch eine Routenplanung ist für E-Scooter schwer. Nahezu unmöglich. In Broschüren, auf Karten und den Internetseiten der Städte ist oft von ‘Radwegen’ die Rede. Ist man dann aber vor Ort, stellt sich oft heraus, dass der ‘Radweg’ gar keiner ist. ‘Radfahrer frei’ = E-Scooter unerwünscht.

Früher war eine Trennschärfe von “Radweg” und “Radfahrer frei” nicht so wichtig. Doch seit der Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung hat der Unterschied eine große Relevanz. Nicht nur rechtlich, sondern auch in Sachen Sicherheit. An vielen Gefahrenstellen bietet “Radfahrer frei” eine sichere Alternative für Fahrräder. E-Scooter Fahrer hingegen scheinen nicht schützenswert zu sein. Sie sollen gefälligst in den fließenden Verkehr ausweichen.

EKF-frei

Abhilfe könnte das Zusatzzeichen 1022-16 bringen: “Elektrokleinstfahrzeige frei”. Dieses Schild wurde im Zuge der eKFV eingeführt – aber noch sucht man es vergebens. Sollte jemand irgendwo in Deutschland dieses Schild hängen sehen, würde ich mich über einen Hinweis freuen. Ich habe es noch nirgendwo gesehen. Dafür weiß ich aber inzwischen, wo ich überall unerwünscht bin. Z.B. auf dieser Busspur in Berlin. In der Hauptstadt können Radfahrer in der Regel die Busspur nutzen. E-Scooter Fahrer hingegen müssten hier mit ihren 20 Stundenkilometern links auf die stark befahrene Mittelspur ausweichen. Für die Autofahrer ärgerlich – und für den E-Scooter Fahrer ziemlich gefährlich. Die Berliner Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz plant übrigens auch nicht, diesen Zustand zu ändern.

E-Scooter haben “keinen uneingeschränkt sicheren Spurlauf”. Man befürchte “eine erhöhte Unfalllage”. Daher sollen E-Scooter nicht auf die Busspur. Die stark befahrene mittlere Spur scheint für die Senatsverwaltung aber ok zu sein.

Auch plant Berlin wohl nicht, das EKF-frei Schild zu nutzen. Eine Verwendung sei “nur in eng begrenzten einzelnen Ausnahmefällen beabsichtigt”. Hierzu hatte ich natürlich Rückfragen gestellt, z.B. welche Ausnahmefälle das sind. Auf die Antwort warte ich bisher noch.

Busspur für Radfahrer frei – E-Scooter bitte in den fließenden Verkehr ausweichen

Dieser eher stiefmütterliche Umgang mit E-Scooter Besitzern überrascht mich etwas. Immerhin bin ich ja kein betrunkener Tourist, der in der City mit einem Leihscooter unterwegs ist. Ich bin ein Pendler, der seinen eigenen E-Scooter in guter Absicht nutzt: Ich möchte meinen Diesel stehen lassen und dennoch zuverlässig und sicher von der Peripherie und die Stadtmitte kommen. Da könnte man doch wenigstens in diesen Pendlerbezirken – außerhalb der Geschäftsgebiete der Leihscooter – ein Zeichen setzen. Denn gerade dort kommt es den Besitzern zugute. Denjenigen, die einen E-Scooter eher sinnvoll nutzen, so wie es eigentlich gedacht ist.

Ich bin zwar ein Bürger, ein Familienvater und ein Wähler. Aber sobald ich mit meinen Füßen auf dem Deck des E-Scooters stehe, scheine ich mich mit einem Schlag in eine unerwünschte Person zu verwandeln. Für E-Scooter Fahrer endet die Fürsorgepflicht des Staates. Ich muss selbst schauen, wo ich bleibe. Ab in die Gefahrenzone. Und wenn was passiert… tja, selbst Schuld. Warum fahre ich auch einen E-Scooter?

Das Zulassungsproblem

Tja, warum tue ich das? Ich fahre noch immer mit meinem E-Scooter, weil ich damit Autokilometer ersetzen möchte. Es ist bislang zwar erst etwas mehr als ein Monat, aber auf dem Tacho stehen schon mehr als 400 Kilometer. Die meisten davon wäre ich sonst mit dem Wagen gefahren. Zugegeben: Ein paar Fußkilometer sind aber auch dabei. Aber ich sehe für mich einen persönlichen Erfolg. Es geht. Und es geht sogar gut. Gerade die Kombination mit dem Wagen oder dem ÖPNV habe ich schätzen gelernt.

Mit dem E-Scooter als Pendler erfolgreich Autokilometer ersetzt

Noch bin ich einer der wenigen Besitzer eines eigenen E-Scooters. Wenn ich am Stadtrand unterwegs bin, höre ich im Vorbeifahren öfter ein “schau mal, ein E-Scooter”. Ich habe meinen Roller früh bestellt. Daher bin ich noch eine Ausnahmeerscheinung. In der Innenstadt dominieren noch die Leihscooter, denn die haben es geschafft, schnell eine Allgemeine Betriebserlaubnis (ABE) zu bekommen. Bei den Herstellern hingegen sieht es anders aus. Viele warten noch auf ihre Zulassung. Erst wenige Marken haben sie bereits – und bei denen gibt es oft längere Lieferzeiten. Aber wer die Anzeigen von Saturn oder Media Markt liest oder die Werbung von 1&1 schaut, der weiß: Der E-Scooter Markt steht kurz vor einem Dammbruch. Bald werden die Gefährte in vielen Regalen liegen. Viele werden selbst bald Besitzer eines E-Scooters sein. Stehend zu rollen wird nicht mehr absurd sein, sondern normal.

Ist das etwas Gutes? Nun, ich denke: ja und nein. Eine wichtige Frage: Welche Motivation haben die E-Scooter Käufer von morgen? Geht es ihnen um Mobilität oder doch eher um Spaß? Jeder sollte sich am besten vor einem Kauf selbst diese Frage stellen. Wie bei jedem Fahrzeug kann man den Preis und die erwartete Laufleistung gegenrechnen. Ein E-Scooter lohnt sich nur, wenn er auch genutzt wird. Alles andere wäre unökonomisch und unökologisch.

Doch richtig genutzt, kann der E-Scooter durchaus eine Bereicherung für die eigene Mobilität werden. Für viele wie mich wird der E-Scooter tatsächlich ein Fahrzeug sein. Und darin liegt meine Hoffnung: Dass wir E-Scooter Besitzer spätestens 2020 viele sein werden. Und dass die Städte und Gemeinde merken, dass es ihre Wähler sind, die sie bislang eher stiefmütterlich behandeln. Sie werden die Bedürfnisse und die Sicherheit der E-Scooter Fahrer nicht mehr ohne Weiteres ignorieren können. Und wer weiß: Vielleicht hängt ja dann an der einen oder anderen Stelle vielleicht sogar mal das Schild “Elektrokleinstfahrzeuge frei”.