E-Scooter Sharing 2020 – Wie geht es weiter?

E-Scooter Sharing 2020 – Wie geht es weiter?

5. Mai 2020 0 Von EBT

Nachdem E-Scooter in Deutschland im Juni 2019 endlich erlaubt wurden, sahen viele Sharing Anbieter goldene Zeiten auf sich zukommen. 2020 sollte das Jahr werden, in dem sich die neue Mobilitätsform in Deutschland durchsetzen würde und Verleihdienste erstmals wirklich Geld verdienen könnten. Doch dann kam Corona, und plötzlich war alles anders.

Seit März 2020 kam das öffentliche Leben quasi komplett zum Erliegen, die Menschen blieben plötzlich zuhause. Touristen und Städtereisende, wesentliche Zielgruppen für E-Scooter Verleihdienste, gab es nicht mehr. Und viele Pendler wollten die Mietroller aus Angst vor Infektion ohnehin nicht mehr nutzen.

Nahezu alle in Deutschland tätigen Verleihanbieter reagierten und legten ihre Flotten still. Zuerst der US-amerikanische Sharing-Gigant Bird, dann folgten der große amerikanische Konkurrent Lime und der, zu Uber gehörende, Anbieter Jump. Auch das schwedische Unternehmen Voi hat seinen Service weitgehend eingestellt, stellt seine Roller aber -auf Anfrage- für Lieferdienste und medizinisches Personal zur Verfügung.

Insgesamt ist die Situation für E-Scooter Sharing Anbieter derzeit mehr als bitter, schließlich hätte man bei dem guten Wetter in den letzten Wochen sicherlich enorme Umsätze einfahren können. Einer der wenigen Lichtblicke für die betroffenen Unternehmen ist, dass die Flotten im eingesammelten Zustand keine großen Kosten verursachen. Und in der Regel haben diese Firmen nur relativ wenig festangestelltes Personal. Die Mitarbeiter, die die Scooter nachts einsammeln und neu aufladen, arbeiten bekanntlich meist freiberuflich. Für diese Personen fällt ihre Einkommensquelle natürlich gerade komplett weg, was wirklich hart ist.

Tier hält die Stellung

Interessanterweise gibt es hierzulande zumindest noch einen größeren Sharing-Anbieter, der seinen Service weiterhin anbietet, wenn auch in eingeschränkter Form: Das Berliner Unternehmen Tier. Dieser Verleihdienst, der in immerhin mehr als 30 deutschen Städten aktiv ist, setzt derzeit auf das Konzept einer „reduzierten Flotte“ – nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich, Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland. Beispielsweise wurde die Zahl der Tier E-Scooter in Berlin von bislang 2000 auf nur noch ca. 700 Fahrzeuge reduziert. Tier begründet seinen Sonderweg damit, dass es ja weiterhin Personen gebe, die arbeiten und pendeln müssen, beispielsweise Mitarbeiter von Supermärkten und medizinisches Personal. Genau diesen Personengruppen wolle man weiterhin bequeme Mobilitätslösungen anbieten. Menschen, die in systemrelevanten Berufen arbeiten, wolle man im Rahmen des „Tier Heroes“ Programms sogar mit Freifahrten unter die Arme greifen.

Tier ist da!

Zum Schutz der Kunden wurden von Tier verschiedene Maßnahmen getroffen, z.B. werden die Lenkergriffe der Roller regelmäßig desinfiziert, beispielsweise bei Batteriewechseln, Wartungen und technischen Kontrollen. Außerdem werden alle lokalen Teams geschult in Sachen E-Scooter desinfizieren, Mitarbeiter- und Lagerhygiene.

Tier gibt sich offenbar wirklich Mühe, mit der Corona-Krise zurechtzukommen und den Laden irgendwie am Laufen zu halten. Ob dies gelingt, bleibt letztlich abzuwarten. Das Unternehmen räumt jedenfalls selbst ein, dass „die Auslastung der Scooter stark zurückgegangen sei.“ Und das trotz fehlender Konkurrenz.

Trotzdem könnte diese spezielle Vorgehensweise durchaus Vorteile haben: Die Tatsache, dass Tier derzeit der einzige Sharing-Anbieter ist, der seinen Service noch in Deutschland anbietet, dürfte den Bekanntheitsgrad des Unternehmens durchaus steigern. Das grundsätzliche Problem bei den E-Scooter Verleihanbietern ist nämlich ganz einfach, dass sie sich prinzipiell sehr ähnlich sind – dies betrifft sowohl die Apps, als auch die Scooter selbst und vor allem die Preise. Es dürfte deshalb kaum Kunden geben, die sich an bestimmte Anbieter gebunden fühlen. Letztlich könnte es sich für Tier also langfristig auszahlen, dass man in dieser schwierigen Situation irgendwie durchhält.

Allerdings stellt sich die Frage, wann sich die Situation wieder annähernd normalisieren könnte. Natürlich kann das im Moment niemand vorhersagen, aber wie sieht die Situation speziell in Bezug auf E-Scooter Sharinganbieter aus?

Hier ist interessant zu wissen, dass das, auf Mobilitätsthemen spezialisierte, Beratungsunternehmen civity kürzlich ermittelt hat, dass E-Scooter Sharing Angebote vor allem von Städtereisenden wahrgenommen werden, die mit den geliehenen Rollern die jeweilige Stadt erkunden. Leider ist momentan schwer absehbar, wann es sowas wie Städte-Touristen überhaupt wieder geben wird. Düstere Aussichten für E-Scooter Sharing. 

Marktbereinigung durch Corona?

Das Problem bei den E-Scooter Sharing Anbietern ist ganz einfach, dass es sich in aller Regel um Start-Ups handelt, die durch mehr oder weniger finanzstarke Risikokapitalgeber finanziert werden – und die wollen natürlich irgendwann Gewinne sehen. Dank Corona ist damit aber bis auf absehbare Zeit nicht zu rechnen. 

Bird + Circ = 0 ?

Erste Konsequenzen zeigten sich beim amerikanischen Sharing-Riesen Bird, der übrigens vor gar nicht langer Zeit das deutsche Konkurrenzunternehmen Circ übernommen hatte: Hier wurde gerade 400 Mitarbeitern gekündigt. Andere Unternehmen wie Tier und Voi haben bereits auf Kurzarbeit umgestellt. Die Frage ist ganz einfach, wie lange die betroffenen Firmen die finanzielle Durststrecke überstehen können.

Hier dürften die amerikanischen Verleihfirmen prinzipiell im Vorteil sein, da sie über deutlich größere finanzielle Ressourcen verfügen. Bird konnte im Oktober und Januar sage und schreibe 350 Millionen Dollar einsacken, und der große Konkurrent Lime erhielt vor ca. 1 Jahr etwa 310 Millionen Dollar. Das sind gewaltige Summen, bei denen europäische Sharingdienste nicht mithalten können. Voi erhielt im letzten Jahr 85 Millionen Dollar, und Tier sogar „nur“ 60 Millionen Dollar.

Es ist also anzunehmen, dass die amerikanischen Unternehmen die Krise eher überstehen dürften als die europäische Konkurrenz. Momentan deutet also einiges darauf hin, dass die Corona-Krise die, von Experten ohnehin lang erwartete, Marktbereinigung deutlich beschleunigen wird.

E Scooter Sharing: Ein kleiner Lichtblick

Es gibt sogar einen kleinen Aspekt an der Corona-Krise, der sich für die Sharing Anbieter als positiv erweisen könnte (sofern sie die Durststrecke überhaupt überstehen): 

Man kann aus gutem Grund vermuten, dass viele Pendler öffentliche Verkehrsmittel aus Angst vor Ansteckung zukünftig eher meiden werden. Wenn das normale Leben langsam wieder anläuft, könnten E-Scooter für viele eine durchaus interessante Alternative zum ÖPNV sein. Immerhin muss man auf einem E-Scooter nicht dicht an dicht neben anderen Menschen sitzen oder stehen – wie es z.B. oft in der S-Bahn der Fall ist.

Allerdings könnten E-Scooter Sharing-Anbieter diesen Vorteil wohl nur dann auszunutzen, wenn sie Möglichkeiten finden, vor allem Griffe und Bremsen der Roller zuverlässig und regelmäßig zu desinfizieren. Dies müsste den Kunden auch glaubhaft kommuniziert werden, sonst würden die meisten Pendler von Leih-Scootern doch eher die Finger lassen (im wahrsten Sinne des Wortes).

Wenn dies aber gelingt, sollten die Sharing Anbieter vielleicht auch über andere Preismodelle speziell für Pendler nachdenken, z.B. an günstige Abo-Angebote.

Wir sind auf jeden Fall gespannt, wie sich die ganze Sache entwickelt und welche E-Scooter Sharing Anbieter die Corona-Krise überstehen werden.