Neue E-Scooter Studie: Sharing eher umweltschädlich, positive Umweltbilanz bei privaten E-Scootern

Neue E-Scooter Studie: Sharing eher umweltschädlich, positive Umweltbilanz bei privaten E-Scootern

15. Januar 2022 0 Von EScooterBlog

In einer neuen Studie kommt die ETH Zürich zu Ergebnissen, die für E-Scooter Leihanbieter ziemlich unerfreulich sein dürften. Man gelangte nämlich zu der ernüchternden Erkenntnis, dass geteilte E-Scooter (in der Schweizer Studie als „E-Trottis“ bezeichnet) dem Klima eher schaden als nützen würden. Dasselbe gelte übrigens auch für geteilte E-Bikes. Bei privaten, sprich gekauften, E-Scootern und E-Bikes dagegen fällt die Umweltbilanz wesentlich positiver aus.

Zu welchen Ergebnissen kam die ETH Zürich Studie – und was genau wurde untersucht?

Zunächst einmal, „ETH Zürich“ steht für „Eidgenössische Technische Hochschule Zürich“. Die Autoren der Studie sind: Daniel J. Reck, Henry Martin, Kay W. Axhausen.

Bei der Studie ließ man 540 Teilnehmer in Zürich ihr Mobilitätsverhalten dokumentieren, und zwar via App. Die ganze Untersuchung erstreckte sich über drei Monate. Dabei kamen insgesamt 65.000 Fahrten zusammen, die mit unterschiedlichsten Verkehrsmitteln durchgeführt wurden – also zu Fuß, via Privatwagen, mit dem ÖPNV – und natürlich mit geliehenen E-Scootern und E-Bikes. Gesammelt wurden Positionsdaten, Buchungen und Umfragedaten. In die Studie flossen auch Angaben zu den jeweiligen Wetterverhältnissen und zu den verfügbaren Mobilitätsmöglichkeiten ein.

E-Scooter Daten: Infrastruktur
Abb. 1. Räumliche Abdeckung von gemeinsam genutzten Mikromobilitätsangeboten (links) und Haltestellen des öffentlichen Verkehrs (rechts) in Zürich am 1. Juli 2020 (15.00 – 16.00 Uhr). Kerndichten mit einem Radius von 150 m (492ft).

Dabei zeigte sich, dass Fahrten mit Leih-E-Scootern nur in seltenen Fällen Autofahrten ersetzen. In der Realität ersetzten geteilte E-Scooter vor allem ganz offensichtlich Strecken, die man ansonsten zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt hätte. Gerade einmal 12 Prozent aller E-Scooter Fahrten ersetzten Strecken, die man ansonsten mit dem PKW zurückgelegt hätte. Für einen besonders hohen Umweltnutzen spricht das natürlich nicht gerade.

E-Scooter Studie: Erhebung
GPS-Tracking-App auf dem iPhone SE (links: Kalenderansicht, Mitte: Kartenansicht, rechts: Ansicht im Bearbeitungsmodus)

Ganz im Gegenteil: Wenn man die gesamte Lebensspanne eines Verleih-E-Scooters betrachtet, so verursachen diese Fahrzeuge noch eine ganze Reihe von zusätzlichen Emissionen. Diese fallen z.B. an bei der Herstellung des Fahrzeugs, aber auch beim Aufladen der Akkus. Darüber hinaus fallen ja auch Emissionen an, wenn die E-Scooter nachts eingesammelt und zu den jeweiligen Sammelpunkten zurückgebracht werden müssen (z.B. um sie dort wieder zu aufzuladen). Die Forscher der ETH Zürich kamen bei ihren Berechnungen sogar zu dem verblüffenden Ergebnis, dass Sharing E-Scooter pro Kilometer rund 51 Gramm CO2 mehr verbrauchen als die Fahrzeuge, die sie eigentlich ersetzen sollten!

Dies ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass die Lebensspanne von Leih-E-Scootern meist sehr kurz ist – sie liegt im Normalfall bei höchstens 2 Jahren.

Daniel Reck, einer der Co-Autoren der Studie, zog daraus das – mehr als ernüchternde – Fazit, „das geteilte E-Scooter (er spricht von „E-Trottis“) unter den aktuellen Nutzungsbedingungen dem Klima mehr schaden als nützen würden“.

E-Scooter Studie
Lebenszyklus-CO2-Emissionen pro Personenkilometer bei ausgewählten Verkehrsträgern

Diese Studienergebnisse dürften für klassische E-Scooter Verleiher wie Lime, Tier, Voi & Co. natürlich ausgesprochen unerfreulich sein. Schließlich brachten diese Firmen immer wieder das Argument vor, dass Fahrten mit geliehenen Elektrokleinstfahrzeugen zu einem großen Teil Fahrten mit Privat-PKWs ersetzen würden, was natürlich ganz im Sinne einer grünen Verkehrswende wäre. Doch dies ist ganz offensichtlich nicht der Fall. Auch wenn viele Mahner dies ohnehin schon vorher vermutet hatten, konnte diese Annahme jetzt durch die Studie aus Zürich endlich mit belastbaren Zahlen untermauert werden. Keine besonders guten Nachrichten für Sharing-Anbieter also…

E-Scooter Studie: Positive Umweltbilanz bei privaten E-Scootern

In der Studie zeigte sich aber auch ein positiver Aspekt: Bei gekauften E-Scootern in Privatbesitz sieht die Umweltbilanz viel besser aus als bei Leihmodellen. Dies liegt u.a. daran, dass diese Fahrzeuge im Durchschnitt viel länger in Gebrauch sind als Leih-E-Scooter – nämlich rund 5 Jahre. Bei Sharing-E-Scootern dagegen sind es in der Regel max. 2 Jahre (wenn überhaupt). Dies dürfte einerseits darauf zurückzuführen sein, dass man mit privaten Fahrzeugen ganz einfach pfleglicher umgeht. Außerdem sind öffentlich zugängliche Leihfahrzeuge sehr häufig Vandalismus ausgesetzt, und insbesondere in Städten wie Köln landen sie auch sehr gerne in hohem Bogen im Rhein etc.

Hinzu kommt, dass sich in den Studienergebnissen zeigte, dass private E-Scooter auch viel häufiger Autofahrten ersetzten als Leihmodelle.

Alles in allem zeigte sich, dass private E-Scooter, aufgrund der genannten Faktoren, im direkten Vergleich sogar rund 16 Gramm CO2 pro Kilometer weniger verbrauchen als die Fahrzeuge, die sie ersetzen sollten. Eine deutliche Diskrepanz zu Sharing E-Scootern, die ja sogar 51 Gramm pro Kilometer mehr verbrauchten!

Fazit: In Sachen Klimaschutz sind private E-Scooter definitiv viel sinnvoller als geliehene Scooter. Ein Standpunkt, dem wir vom E-Scooter Blog nur zustimmen können.

Private E-Scooter, E-Bikes im Vergleich mit Leihscootern und Sharing E-Bikes

E-Scooter Studie
Substitutionsraten für Mikromobilitätsarten nach Entfernung
Ersetzte Verkehrsträger (gestapelte Balken) und daraus resultierende Nettoemissionen pro Kilometer (Punkte/Linie) für Mikro-Mobilitätsarten nach Entfernung.


Was können Sharing Anbieter für eine bessere Umweltbilanz tun?

Interessanterweise steht Reck, trotz der genannten Studienergebnisse, dem Sharing-Prinzip nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber. Er weist darauf hin, dass es durchaus Maßnahmen gäbe, mit denen Sharing Anbieter die Umweltbilanz ihrer Leihscooter verbessern könnten. Zum einen sollte man die Fahrzeuge zukünftig mit Wechselakkus ausstatten. Außerdem solle man zukünftig, anstatt dieselbetriebener Transporter, besser umweltfreundliche E-Lastenräder zum Einsammeln der Leihscooter verwenden.

Sinnvoll wäre auch, die Leihfahrzeuge möglichst direkt an Ladestationen, und vor allem in Gebieten mit hoher Nachfrage abzustellen – z.B. an U- und S-Bahnhöfen. Generell wäre auch sinnvoll, ÖPNV und Sharing-E-Scooter noch besser miteinander zu verzahnen, insbesondere was das Pendeln zwischen Vororten und Stadtzentren angeht. Hier wären z.B. Apps denkbar, die beides miteinander kombinieren – man könnte dann z.B. gleichzeitig eine Fahrt mit der S-Bahn buchen und die Weiterfahrt via Leihscooter gleich mit buchen etc… Dazu müssten aber auch vermehrt Leihroller in Vororten und Vorstädten zur Verfügung gestellt werden.

Was diese Vorschläge angeht, sind einige Sharing-Anbieter sogar schon aktiv geworden, beispielsweise werden immer häufiger Wechselakkus eingesetzt.

Aber selbst wenn die Sharing-Anbieter alle vorgebrachten Vorschläge umsetzen ist natürlich noch lange nicht klar, ob die Umweltbilanz dann tatsächlich positiv ausfallen würde. Bei den hohen Emissionen, die bei der Produktion der Scooter anfallen, ist dies doch eher unwahrscheinlich.

Und selbst wenn alle Maßnahmen erfolgreich umgesetzt würden bedeutet das noch lange nicht, dass Sharing-E-Scooter dann auch wirklich mehr Autofahrten ersetzen würden.

Wie zu erwarten war, halten Sharing Anbieter dagegen und verteidigen ihr Konzept. Das schwedische Unternehmen Voi z.B. hat, laut eigener Aussage, eine Nutzerbefragung durchgeführt, in dem 15,4 Prozent ihrer Nutzer angegeben hätten, statt eines PKWs die Roller zu nutzen. Und die Rate soll sich in den letzten Jahren kontinuierlich um 15 bis 20 Prozent gesteigert haben. Voi erklärte sogar, dass man bis zum Jahr 2030 in Europa rund 1 Milliarde Autofahrten ersetzen werde.

Ob dieses Ziel tatsächlich erreicht werden kann, ist – aus unserer Sicht – natürlich mehr als fraglich.

Quelle der Studie

Quelle: Mode choice, substitution patterns and environmental impacts of shared and personal micro-mobility; ETH Zürich, Institute for Transport Planning and Systems; Daniel J. Reck, Henry Martin, Kay W. Axhausen; https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1361920921004296

Unser Statement vom E-Scooter Blog

Letztlich können wir den Ergebnissen der Züricher Studie nur zustimmen. Wir hatten erst kürzlich einen Text zum Thema „Nachhaltig E-Scooter fahren“ veröffentlicht, in dem wir uns bereits mit diesem speziellen Thema beschäftigt haben. Schon damals kamen wir aufgrund von Berechnungen zu dem Fazit, dass die regelmäßige Nutzung eines gekauften, privaten E-Scooters eine Voraussetzung für eine wirklich nachhaltige Nutzung ist. Am besten ist natürlich, wenn man die privaten E-Scooter dann auch konsequent gleich mit grünem Strom von echten Ökostromanbietern lädt, auch wenn der Ladestrom letztlich nicht den großen Unterschied macht. Hinzu kommt, dass private E-Scooter sogar – auf Dauer – weitaus preisgünstiger sind als Leihroller!

Außerdem mussten wir feststellen, dass das Verkehrsmittel „E-Scooter“ durch die ausufernden Leihanbieter immer mehr in ein schlechtes Licht gerückt wurde. Gerade in Großstädten gab es immer wieder Beschwerden über falsch abgestellte Leihscooter, die Gehwege versperrten oder achtlos in Flüsse und Straßengräben geworfen wurden etc.

Außerdem nutzen viele Menschen die Leihroller ja nicht zum Pendeln, sondern nur zum reinen Vergnügen, z.B. für Sightseeing in der City. Ein echter Umweltnutzen ergibt sich daraus natürlich nicht.

Kurz gesagt, dass öffentliche Image der – eigentlich ausgesprochen umweltfreundlichen – E-Scooter wurde durch Leihscooter massiv beschädigt. Und das ist sehr schade, denn wir sehen in der Elektromobilität immer noch ein richtungsweisendes Konzept, das einen erheblichen Beitrag zu einer grünen Energiewende liefern kann.

Glücklicherweise ist die Umweltbilanz bei privaten E-Scootern ausgesprochen gut. Dies wurde in der Studie der ETH Zürich ja auch mehr als deutlich.