Kleiner Ratgeber zur Steigfähigkeit von E-Scootern

Kleiner Ratgeber zur Steigfähigkeit von E-Scootern

10. Dezember 2020 2 Von EBT

E-Scooter waren ursprünglich nicht dazu gedacht und sind konstruktionsbedingt auch eher weniger dazu geeignet, größere Steigungen zu überwinden, nichtsdestotrotz wohnt nicht jeder im Flachland, und an jeder größeren Steigung mittreten oder gar schieben zu müssen, macht auf Dauer keinen Spaß, insofern ist dieses oft vernachlässigte Thema für viele Besitzer und Interessierte durchaus (kauf)relevant.

Dieser kleine Ratgeber liefert wertvolle Informationen und Tipps, was beim Thema “Steigfähigkeit von E-Scootern” alles zu beachten ist.

Zunächste einmal muss man verschiedene Arten von Steigungen unterscheiden: für die einen ist ein “Berg” schon eine kurze Kuppe oder kleinerer Hügel mit maximal 10% Steigung, für andere (mich eingeschlossen) beginnt ein bergiges Fahrprofil erst bei 15-20% – eine Steigung, bei der man sich auch zu Fuß Mühe geben muss, diese zu überwinden. Tiefgaragenauffahrten haben üblicherweise eine Steigung von etwa 10%, steilere Straßen bis zu 15-17% und richtig steile Wege und typische Weinberge 20-25%. Alles, was darüber hinaus geht, übersteigt in der Regel die Leistungsfähigkeit der in Deutschland gesetzlich zulässigen/straßenzugelassenen E-Scooter, deren Dauerleistung 500W nicht übersteigen darf, was sich gleichzeitig auch auf den relevanten Spitzenleistungswert auswirkt. Dieser ist wiederum abhängig von der Systemspannung (typischerweise 36, 48 oder 52V) und dem vom verbauten Controller vorgegebenen, maximalen Stromfluß (i.d.R. 15 bis 20A), wobei es zu berücksichtigen gilt, dass ein frisch geladener, randvoller Akku mehr elektrische Energie liefern kann als dies ein nur noch halbvoller Akku vermag. So liegt der maximale Spannungswert eines 36V-Systems unmittelbar nach dem Aufladen bei etwa 42V, woraus sich mit einem 15A-Controller eine mögliche Maximalleistung von 42*15 = 630W ergibt. Sinkt der Akkuladestand und damit auch die Systemspannung im Laufe der Zeit auf die “Normspannung” von 36V, was einem Akkustand von ca. 50% entspricht, so kann der Motor schon nur noch auf maximal 540W zurückgreifen.

Prinzipiell lassen sich die folgenden “Kategorien” bzgl. der Steigfähigkeit von E-Scootern definieren:

1.) bis zu 10% – realistisch für die meisten E-Scooter mit 350W-Motor

2.) 10-15% – setzt eine überdurchschnittlich hohe Steigfähigkeit und in der Regel mindestens einen starken 36V Motor mit 600-700W Spitzenleistung voraus

3.) 15-20% – hier trennt sich die Spreu vom Weizen – diese relativ großen Steigungen werden nur noch von ganz wenigen 350W-Dauerleistungsscootern mit Hinterradantrieb bezwungen

4.) 20-25% – die “Königsklasse”, welche einen starken 500W Hinterradmotor (möglichst mit drehmomentsteigerndem Getriebe) erfordert, was zur Zeit auf vielleicht 2-3 straßenzugelassene E-Scooter zutrifft
 
Je nach Anforderungsprofil (Wohnung am/auf einem Berg, längere Touren durch “bergiges”/hügeliges Terrain, Einsatz als Letzte-Meile-Überbrückung in der Stadt etc.) sollte ein E-Scooter eine gewisse, minimale Steigfähigkeit besitzen, doch wovon hängt diese eigentlich ab?

Um sich die Abhängigkeiten der Steigfähigkeit vor Augen zu führen, hier zwei Extrembeispiele:

a.) Eine 70 kg schwere Person fährt auf ebenem Untergrund und mit einer Anlaufgeschwindigkeit von 20 km/h bei Windstille eine kurze (5m lange) Rampe von 15% hoch. Unter den genannten Voraussetzungen sollte dies für die meisten E-Scooter kein allzu großes oder gar unüberwindbares Hindernis darstellen.

b.) Dieselbe Person fährt mit einem 30 kg schweren Rucksack, ohne jeglichen Anlauf und bei starkem Gegenwind auf nassem Kopfsteinpflaster eine 50m lange Steigung hoch, die ebenfalls konstant 15% aufweist.
Der zweite Fall erhöht die Anforderungen an die Leistungsfähigkeit des E-Scooters um ein Vielfaches und schränkt die Auswahl der in Frage kommenden Fahrzeuge extrem ein.

Wie man anhand des obigen Beispiels sieht, sind 15% Steigung nicht immer gleich 15% Steigung – man muss immer alle relevanten Randbedingungen mit einbeziehen, um eine aussagekräftige Information bzgl. der tatsächlichen Steigfähigkeit zu erhalten.
 
Generell ist zu sagen, dass die “Stillstandsgrenze” eines Scooters am Berg bei etwa 3-5 km/h liegt und ein Zusatzgewicht von 20 kg das Mindesttempo um ca. 5 km/h verringert.

Konkret bedeutet dies, dass z.B. eine relativ leichte Frau mit einem Gewicht von 60 kg eine anspruchsvolle Steigung noch mit durchaus respektablen 15 km/h bewältigen kann, während ein 100 kg schwerer Mann dieselbe Steigung mit genau demselben Scooter evtl. gar nicht mehr hochfahren können wird.
 
Neben den relevanten Fahrzeugparametern (Dauer- und Spitzenleistung, Drehmoment, Antriebsart und Motorbauart) spielen Faktoren wie Fahrergewicht, Außentemperatur, Oberflächenbeschaffenheit der Fahrbahn, Reifenluftdruck, Akkuladestand, Anlauflänge/-geschwindigkeit, sowie Länge und Form der Steigung (“Buckel”, “Schanze” oder gerade Steigung) hierbei eine entscheidende Rolle.

“%” oder “°”?

Die offiziellen Hersteller-Angaben zur Steigfähigkeit sind oftmals mit Vorsicht und entsprechender Skepsis zu genießen. Zum einen werden diese Werte häufig nur geschätzt, bzw. unter absoluten (und damit unrealistischen) Idealbedingungen ermittelt – siehe obiges Beispiel, zum anderen wird hierbei oft die Einheit der Steigung “verwechselt” und statt % fälschlicherweise ° genannt.

Eine Steigfähigkeits-Angabe von bspw. 20° entspricht dabei einer im öffentlichen Verkehrsraum weltweit praktisch nirgends anzutreffenden, aberwitzigen Steigung von 36% (relativ steile Bergstraßen haben i.d.R. eine Steigung von “nur” 17-18%, was gerade einmal der Hälfte dieses Wertes entspricht)!
 
Zu guter letzt bedeutet eine Steigfähigkeit “bis zu” strenggenommen nur, dass der E-Scooter die angegebene Steigung mit minimaler Geschwindigkeit (3-4 km/h) und unter allergrößter Anstrengung bewältigen kann(!) – man sollte also keine Höchstgeschwindigkeit (20 km/h) erwarten, selbst wenn die Herstellerangabe einigermaßen realistisch ist.

Worauf ist also zu achten, wenn man einen möglichst “bergfähigen” E-Scooter erwerben möchte?

  • Der E-Scooter sollte einen Motor mit 36V/350W (besser: 48V/500W) Dauerleistung und mindestens 500-600W (besser: 700-800W) Spitzenleistung besitzen (letztere sollte immer möglichst hoch sein und kann bis über 1000W betragen).
  • Ein Hinterradantrieb (Motor im Hinterrad verbaut) und idealerweise Getriebemotor (was allerdings nur äußerst selten der Fall ist) ist für starke Steigungen äußerst vorteilhaft.
  • Da E-Scooter mit gleichen oder ähnlichen Leistungsdaten völlig unterschiedliche Fahreigenschaften besitzen können, empfiehlt sich immer auch eine entsprechende Probefahrt und/oder eine ausgiebige Recherche zu einschlägigen Tests von dem ins Auge gefassten Modell, wobei unterschiedliche Fahrergewichte und sonstige Testbedingungen berücksichtigt werden sollten.

Autor: M.H.