Klonggate und Tuning: Droht dem IO Hawk Exit Cross ein Rückruf oder der Verlust der ABE ?

Klonggate und Tuning: Droht dem IO Hawk Exit Cross ein Rückruf oder der Verlust der ABE ?

15. Juli 2019 22 Von EBT

Abgesehen von den E Scootern der Sharing Anbieter, ist der IO HAWK Exit Cross einer der wenigen zugelassenen Elektroroller, den man bereits jetzt relativ häufig auf den Straßen sehen kann. Es handelt sich dabei um einen E Scooter, der als extrem robust beworben wird und auch bestens für Offroad-Einsätze inkl. Stunts und Sprünge geeignet sein soll. Dank eines besonders leistungsstarken 500 Watt Motors soll dieses Modell auch mit Steigungen sehr gut zurechtkommen. Die Maximalgeschwindigkeit liegt, den Anforderungen der Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung entsprechend, bei den gesetzlich vorgeschrieben 20 km/h. Angeblich, so ein Gerücht, soll per Tastenkombination das Aufheben der Geschwindigkeitsbegrenzung möglich sein, doch dazu später. Dank Vollfederung und schön großer 10“ Luftreifen mit viel Grip soll dieser E Scooter auch auf Waldwegen, Sand oder Kies noch sehr gut zu Fahren sein. Der 15,6 Ah Akku soll Reichweiten von sage und schreibe bis zu 48 Kilometern ermöglichen. Das hört sich alles ziemlich gut an.

Wir haben dem IO Hawk Exit Cross bisher zwei Artikel gewidmet:

Allerdings häufen sich in letzter Zeit in diversen Internet-Foren Berichte von Usern, in denen von, teils nicht gerade unerheblichen, Mängeln die Rede ist – z.B. in der Facebook Gruppe „IO HAWK Exit Cross Besitzer“, die immerhin über 500 Mitglieder hat. Wir haben entsprechende Erfahrungsberichte ausgewertet, mit Besitzern gesprochen, Prüf- und Testlabore sowie Sachverständige befragt und wollen euch kurz von der derzeitigen Sachlage berichten. Interessant ist auch, dass IO HAWK mittlerweile mit einem eigenen Statement auf die Vorwürfe reagiert hat und offenbar alles tut, um die genannten Probleme schnell und unbürokratisch zu beheben.

Quelle: https://www.facebook.com/groups/ExitCross/

Derzeitiger Stand: Vorab sei zusammengefaßt sei aber, das selbst fast alle bisherigen Moderatoren (bis auf einen) und der Admin ihren IO Hawk Exit Cross zurückgegeben haben. Wurden zunächst IO Hawk Mitarbeiter einbezogen, haben diese nun eine eigene geschlossene IO Hawk Gruppe gegründet, in der man nur mit Bestellnummer Zugang findet. Einige Besitzer scheinen auch nicht Zugang in der firmeneigenen Facebook Gruppe erhalten. Eventuell weil sie sich vorher negativ geäußert haben.

Also – um was für angebliche Mängel am IO HAWK Exit Cross geht es genau?

  • Manche Besitzer sprechen von einem merkwürdigen, deutlich hörbaren „Knacken“ oder „Krächzen“ in der Lenkstange. Beim Lesen der Erfahrungsberichte bekommt man den Eindruck, dass dieses Phänomen bei recht vielen Exit Cross Scootern aufzutauchen scheint. User, die versuchten dieses Problem selbst zu lösen, berichten, dass sich das Problem weder durch Nachziehen der drei Schrauben noch des Verstellrings beheben ließ.
  • Ein seltsames Geräusch an der vorderen Federung. Für dieses seltsame Geräusch hat sich mittlerweile in den entsprechenden Foren der Begriff „Klong“ durchgesetzt. Inzwischen ist hier auch vom “Klonggate” die Rede.
  • Häufig wurde von schlechten und unsauber verarbeiteten Schweißnähten an der Vordergabel berichtet. Ein User gab an, dass eine Schweißnaht nach nur 22 km Fahrt gerissen wäre. Fotos der unsauberen Schweißnähte wurden z.T. in der FB Gruppe gepostet, so dass man sich selbst ein Bild machen konnte. Wir haben bei mehreren Prüf- und Testlaboren nachgefragt: Sollte sich ein so entscheidendes Bauteil alleine bei zwei Fällen verabschieden droht nach dem Produktsicherheitsgesetz (ProduktSG) ein Rückruf. Kommt der Hersteller diesem nicht nach drohen sogar hohe Strafen. Quelle: https://www.gesetze-im-internet.de/prodsg_2011/ProdSG.pdf
  • Der Lenker soll wackeln und dadurch insgesamt instabil wirken, häufig ist die Rede von ungewöhnlich viel Spiel in der Lenkstange. Die Lenksäule soll sich teilweise 1-2 cm nach vorne und hinten bewegen lassen. 
  • Manche User finden die Federung so straff, dass so gut wie keine Federwirkung vorhanden sein soll.
  • Einige Besitzer kritisierten den Gasgriff: Einige User schrieben, wenn man den Griff drehe, soll sich in den ersten zwei Dritteln gar nichts tun. Erst danach reagiere der Motor. Sobald man dann wieder in den Bereich der zwei Drittel kommt, würde der Motor beim Beschleunigen erst wieder mit 1-2 Sekunden Verzögerung Fahrt aufnehmen. Besonders beim langsamen Umfahren von Hindernissen soll dies doch ein wenig störend sein.
  • In einigen Fällen gab es Probleme mit dem Kotflügel. Manchmal war er schief angebracht oder löste sich sogar.
  • In seltenen Fällen wurde schon nach kurzer Zeit von platten Reifen berichtet. Einige User schrieben, die Reifen würden kontinuierlich Luft verlieren und müssten schon nach wenigen Tagen wieder aufgepumpt werden.
  • Manche User berichten, dass die Bremshebel erst sehr spät wirken würden. Auch von schleifenden Bremsen war die Rede.
  • Die Führung der Kabelstränge soll z.T. etwas unglücklich sein. 
  • In einigen Fällen soll die Lieferung unvollständig gewesen sein (fehlendes Ladekabel oder andere Teile). Auch von vereinzelten Transportschäden wurde berichtet.
  • Manchmal gab es kleinere Mängel wie Kratzer an Schutzblechen etc.
  • Etwas kurios ist das Gerücht, dass man durch eine Kombination von Gasgriff Aufdrehen, Einschalten des Lichts, Ziehen beider Bremsen, Ein- und Ausschalten des Motors irgendwie die 20 km/h Geschwindigkeitsbegrenzung des Antriebs aufheben könne (=Tuning). Angeblich soll der Roller dann mindestens 25 km/h schnell aus reiner Motorpower fahren. Aufheben soll man die Entdrosselung indem man den Akku vom Controller abzieht und so der Controller sich entleert. Hier stünde dann allerdings die komplette Zulassung (ABE) auf dem Spiel. Die DIN EN Norm 15194, die verbindend in der EKFV eingebunden wurde, verbietet nämlich einen so einfachen Eingriff in die Maximalgeschwindigkeit.
IO Hawk – Bruch des Kotflügels vom Trittbrett

Dies sind die wichtigsten Mängel am IO HAWK Exit Cross, von denen die Nutzer berichteten. Man muss sich dabei natürlich stets vor Augen halten, dass sich in entsprechenden Foren insbesondere die Personen zu Wort melden dürften, bei denen es Mängel am Scooter gab. Die Besitzer, die keine Probleme hatten, dürften erfahrungsgemäß wesentlich zurückhaltender sein. Dadurch kann natürlich schnell ein extrem negatives Gesamtbild entstehen, das so aber nicht der Realität entspricht. Fakt ist aber, dass eine nicht unerhebliche Zahl von Exit Cross E Scootern ganz offensichtlich Mängel aufweisen. Hier ein Video dazu:

Umfrage zum IO Hawk Exit Cross

In der bereits erwähnten FB-Gruppe wurde am 4. Juli eine Umfrage durchgeführt, bei der Folgendes herauskam (letzte Abfrage der Umfrage am 14. Juli) :

  • 67% aller User wollen ihren Exit Cross behalten. Diese Besitzer sind mit dem E Scooter prinzipiell zufrieden, manchmal auch trotz einiger kleiner Mängel 
  • Circa 33% der Teilnehmer sind mit dem Exit Cross unzufrieden. Etwa die Hälfte davon denkt daran, vom Kauf zurückzutreten und den Scooter zurückzugeben. Die andere Hälfte hat den Exit Cross bereits zurückgegeben.

Da sich hier aber nicht nur Benutzer des IO Hawk Exit Cross wiederfinden, die Probleme haben sondern zunächst einmal leidenschaftliche Anhänger, ist diese Umfrage doch schon etwas besorgniserregend. Wenn der E Scooter an sich das iPhone der Mobilität ist, dann passt das nicht zusammen.

Reaktion von IO HAWK

Man muss IO HAWK zugutehalten, dass das Unternehmen wirklich sehr schnell auf die berichteten Mängel reagierte – z.B. wurden umgehend Erklärvideos online gestellt, in denen gezeigt wurde, wie sich bestimmte Probleme selbst beheben lassen. Natürlich ist das auf Dauer keine Lösung – optimal wäre, wenn solche Erklärvideos gar nicht erst notwendig wären.

Mittlerweile liegt ein Statement von IO HAWK zu der Thematik vor. 

Zunächst zeigt sich das Unternehmen von den zahlreichen unzufriedenen Kunden, die ihren Unmut in den Online-Foren Luft gemacht haben, sichtlich erstaunt. 

Obwohl man bereits fast 2000 E Scooter verschickt habe, soll es gerade mal 46 Rücksendungen gegeben haben (Stand 04.07.2019). Hierbei würde es sich, laut Unternehmen, um eine sehr gute Quote handeln. So viele Exit Cross E Scooter können also eigentlich gar nicht mangelhaft sein. 

(Anmerkung von unserer Seite: Natürlich können wir diese Angaben von IO Hawk bezüglich des Exit Cross nicht überprüfen.)

IO HAWK habe wiederholt darauf hingewiesen, dass die Scooter bei eventuellen Problemen sofort unbürokratisch 1:1 ersetzt werden (das Unternehmen sende betroffenen Kunden sogar kostenlose Rücksendelabel zu). Auf Wunsch werde auch umgehend der volle Kaufpreis erstattet. Die entsprechende RMA Adresse (rma@iohawk-europe.com) wurde mehrfach und frei zugänglich kommuniziert. IO HAWK gehe sogar soweit, einen neuen Scooter zu verschicken, bevor man den alten zurückbekommen hat.

IO HAWK geht aber auch auf einige der angeblichen Mängel direkt ein:

  • Mit dem merkwürdigen „Klong-Geräusch“, von dem einige Besitzer berichteten, könne man nichts anfangen. In manchen Fällen dürfte das Geräusch von der Feder kommen, was aber normal sei. Deshalb bittet das Unternehmen betroffene User, Videos von dem Phänomen zu machen und an IO HAWK zu schicken. Trotzdem werden betroffene E Scooter unbürokratisch umgetauscht. Inzwischen wurde das Problem angeblich gefunden und das entsprechende Bauteil kann entweder selbst getauscht werden oder IO Hawk erledigt das für den Kunden.
  • Manche Besitzer bemängelten die Verzögerung beim Gas geben. Dies sei aber, aufgrund der enormen Motorpower des Scooters, genau so gewollt. Wenn man den Gashebel so einstellen würde, wie dies manche User wünschen, könne es schnell zu Unfällen kommen, da das Vorderrad beim Beschleunigen abheben könnte. Trotzdem: Wer damit nicht zufrieden ist, kann den Scooter zurückschicken und sein Geld zurückerhalten.
  • Einige User bemängelten die Federung. Diese lasse sich aber problemlos justieren, IO HAWK habe dafür entsprechende Anleitungsvideos online gestellt. Es wurde übrigens extra eine mittlere Federung verbaut, damit auch Nutzer mit einem Gewicht von 110 kg oder mehr den Roller noch fahren können – wäre die Federung weicher, wäre dies nicht möglich. Auch hier gilt aber: Das Unternehmen tauscht einen Roller jederzeit um oder gibt das Geld zurück.

Fazit

IO HAWK scheint die erwähnten Probleme sehr ernst zu nehmen und konstruktiv zu handeln. Der Kundenservice reagierte selbst abends am Wochenende auf Anfragen per Mail – so etwas gibt es wirklich nur selten. Das Angebot, jeden bemängelten E Scooter ohne Wenn und Aber umzutauschen oder zu erstatten, finden wir jedenfalls ausgesprochen kundenfreundlich. Tatsächlich zeigten sich viele User, die offensichtlich einen Exit Cross mit Mängeln erwischt hatten, vom Kundenservice des Unternehmens absolut begeistert.

Man darf bei der ganzen Diskussion natürlich auch nicht vergessen, dass sich in entsprechenden Foren vor allem die Nutzer zu Wort melden dürften, die einen defekten Roller erwischt haben (s.o.). Zufriedene User dagegen, bei denen der Scooter vollkommen in Ordnung war, werden wohl nicht so mitteilungsfreudig sein. So kann schnell der Eindruck entstehen, dass der Großteil der Exit Cross Scooter Mängel aufweisen würde, was aber höchstwahrscheinlich gar nicht der Realität entspricht. Allerdings melden sich auch neue Nutzer in der Facebook Gruppe an um Fehler zu melden. Inwieweit das eine allgemeine Aussagekraft auf alle IO Hawk Besitzer hat, bleibt uns unbekannt.

Übrigens zeigten sich einige User, die ihren defekten Exit Cross umtauschen ließen, von den neuen Fahrzeugen erfreut – zumeist sämtliche Mängel, die bei den ursprünglichen Fahrzeugen vorhanden waren, sollen jetzt nach dem Umtausch tatsächlich nicht mehr auftreten. Es soll aber auch Kunden geben, die Ihre umgetauschten E Scooter dann endgültig zurückgegeben haben. 

Die Lenkstange soll nicht mehr „krächzen“, das mysteriöse „Klong-Geräusch“ sei ebenfalls verschwunden, die Federung funktioniere hervorragend und die Bremsen wären auch viel besser eingestellt. Selbst der Gasgriff würde bei den neuen Modellen besser reagieren (kürzere Verzögerung, wenn man das Gas weggenommen hat und wieder beschleunigt). Für das “Klong-Geräusch” soll es nun einen Ersatz geben, den man sich zuschicken kann oder den IO Hawk ausbessert.

Wenn man sich die ganze Geschichte vor Augen hält, so kann man schnell den Eindruck bekommen, dass IO HAWK offenbar etwas zu bemüht war, die bestellten E Scooter möglichst schnell auszuliefern. Offenbar blieb dabei die notwendige Qualitätssicherung bei manchen der ersten ausgelieferten Modelle ein klein wenig auf der Strecke. Aber mittlerweise hat das Unternehmen die Problematik ganz offensichtlich erkannt und scheint mehr als bestrebt, betroffene Kunden bestmöglich zufriedenzustellen.

Praktisch alle Betroffenen zeigten sich von der unbürokratischen, schnellen und vor allem kulanten Hilfe des Unternehmens erfreut, allerdings auch nicht alle. Man muss sich stets vor Augen halten, dass es bei neuen Produkten in ausländischer Fertigung anfangs oft zu Problemen kommt, die dann später wieder behoben werden. Wir sind zuversichtlich, dass eine professionelle Marke wie IO HAWK die genannten Probleme schnell in den Griff kriegen wird – zu wünschen wäre es jedenfalls, schließlich ist der Exit Cross ein toller E Scooter mit einzigartigen Eigenschaften – insbesondere was die Geländetauglichkeit angeht. Immerhin steht mit einer potentiellen Rückrufaktion und dem möglichen Entzug der ABE noch ein großer Unbekannter vor der Tür.

E Micro